Artikel von Giorgio Destefanis, Sonderberichterstatter der La Stampa Sera, Dienstag, 12. Februar 1991 (Seite 24, Sportteil), von der Langlauf-WM im Val di Fiemme. Er berichtet, wie sich die italienischen Langläufer Albarello und Vanzetta mit dem Elektronischen Ohr von Alfred Tomatis vorbereiten. Aus dem Italienischen übersetzt; der Originaltext steht in der italienischen Fassung und im Faksimile.

La Stampa Sera — Dienstag, 12. Februar 1991, Seite 24 (Sport)

Mozart ist meine „Droge“

Das seltsame Training der italienischen Langläufer bei der WM. Es handelt sich um eine präzise Kur auf wissenschaftlicher Grundlage, die im Hören von Musikklängen besteht, die durch ein Elektronisches Ohr gefiltert werden. Albarello und Vanzetta sind davon überzeugt.

VAL DI FIEMME ● Mozart und gregorianischer Gesang, um auf Skiern schneller zu werden. Es ist der jüngste Einfall in der ewigen Suche von Athleten, Trainern und allerlei Wissenschaftlern nach elastischeren Muskeln und perfekter Koordination, den Grundvoraussetzungen großer sportlicher Leistung. Er kommt aus Frankreich und ist nicht die x-te Variante des autogenen Trainings oder Ähnliches, sondern eine regelrechte Kur mit klaren wissenschaftlichen Grundlagen. Einige der italienischen Langläufer von Fiemme ‘91 sind bereits überzeugte Anwender.

Selbstverständlich sind Muskelschnelligkeit und Koordination eine Frage des Gehirns und nicht nur der Fasern: daher die Notwendigkeit, an den dafür zuständigen Nervenzentren anzusetzen. „Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: der erste betrifft den Körper, der andere die Zentren, von denen Gleichgewicht, Koordination und energetische Erholung abhängen.“

Die Erklärung stammt von Adelaide Trovamala, 37, Physiotherapeutin der italienischen Männermannschaft bei dieser WM und Mitarbeiterin von Dr. Bertelè am Centro dell’Ascolto in Mailand. „Die Arbeit am Körper, die sogenannte ‚Mézières-Methode‘, besteht in der Dehnung der Muskelketten“, erklärt Adelaide Trovamala. „Intensiver in den Trainingsphasen, sanfter in der Wettkampfzeit. Jeder Muskel wird nicht einzeln betrachtet, sondern als funktionelle Einheit aus voneinander abhängigen Muskelketten. Es geht darum, die Muskelketten zu dehnen und zugleich Ausgleichsbewegungen anderer Faszien zu verhindern. Ziel ist, neben der Dehnung, auch das Gleichgewicht der Muskulatur wiederherzustellen, um Haltung und Muskelelastizität zu verbessern.“

Bis hierher nichts besonders Revolutionäres, ehrlich gesagt. Aber das Beste kommt noch, in der sogenannten zweiten Phase. „Es ist eine Entdeckung des Franzosen Professor Alfred Tomatis“, erklärt die Physiotherapeutin der italienischen Langläufer weiter. „Sie besteht im Hören von Musikklängen, die durch ein Elektronisches Ohr gefiltert werden, das eben von Professor Tomatis selbst entwickelt wurde.“

So erklärt sich, warum Albarello und Vanzetta im Bett liegen und mit religiöser Konzentration über Kopfhörer nach Art der Diskjockeys die Musik hören, die eine hochentwickelte Wiedergabeanlage überträgt. „Mozart und gregorianischer Gesang sind die geeignetste Musik“, präzisiert Adelaide Trovamala. „Das Elektronische Ohr wählt die Klänge aus und stimuliert das Ohr in zwei Teilen, dem vestibulären und dem kochleären. Die hohen Töne wirken auf das Vestibulum, von dem das Haltungsgleichgewicht abhängt. So erreicht man eine feinere, präzisere Kontrolle der Bewegung. Außerdem kommt es zu einer automatischen Regulierung des Muskeltonus. Die Reize auf den kochleären Teil ermöglichen eine kontinuierliche energetische Aufladung des Zentralnervensystems, also mehr Konzentration und bessere emotionale Kontrolle.“

Für den Laien ist das Science-Fiction. Dennoch erscheint es offensichtlich, dass ein Körper im perfekten körperlichen und seelischen Gleichgewicht sicher besser funktioniert als ein anderer, vielleicht übertrainierter, der nach jenen primitiven Methoden arbeitet, die oft mehr Schaden als Nutzen gebracht haben. Die Überprüfung im Gelände folgt beim nächsten Mal, wenn Albarello und Vanzetta nicht mehr durch einen tückischen Temperaturwechsel das Wachs ihrer Skier in Leim verwandelt finden.

Giorgio Destefanis

Bildunterschrift: „Vanzetta in Aktion. Mozart allein reicht jedoch noch nicht zum Siegen.“


Quelle: Giorgio Destefanis, „Lo strano training dei fondisti azzurri ai mondiali: Mozart è la mia ‚droga‘“, La Stampa Sera, 12. Februar 1991, S. 24. © La Stampa. Übersetzung nach einem Bild des Zeitungsausschnitts; der schwer lesbare letzte Satz ist am Faksimile zu überprüfen.


Heute: was die Wissenschaft sagt

Dieser Artikel von 1991 ist eine Reportage: Er schildert die Praxis einer Physiotherapeutin (Mézières-Methode, dann Elektronisches Ohr) bei italienischen Langläufern, ohne jedes gemessene Ergebnis. Die eigene Bildunterschrift räumt es ein: „Mozart allein reicht noch nicht zum Siegen“. Drei Ideen sind zu sortieren.

DIFFERENZIERT — Musik hilft Sportlern tatsächlich, aber bescheiden. Eine Metaanalyse von 139 Studien findet kleine bis mittlere Effekte auf die körperliche Leistung (g = 0,31) und deutlichere auf den affektiven Zustand (g = 0,48) (Terry et al., 2020, Psychological Bulletin). Es geht dabei aber um Musik, die während der Belastung oder in der Vorbereitung gehört wird, nicht um gefilterten Klang, und nichts hebt Mozart oder gregorianischen Gesang hervor.

NICHT BESTÄTIGT — der „Mozart-Effekt“. Eine Metaanalyse von 2010 findet wenig Belege für einen spezifischen Effekt von Mozart auf die Leistung, mit Publikationsbias und schwer replizierbaren Ergebnissen (Pietschnig, Voracek & Formann, 2010).

NICHT NACHGEWIESEN — der vestibuläre und kochleäre Mechanismus. Die Vorstellung, gefilterte hohe Töne regulierten das Haltungsgleichgewicht und kochleäre Reize „luden“ das Zentralnervensystem „auf“, gehört zur Theorie von Tomatis. Wir haben keine kontrollierte Studie des Elektronischen Ohrs zur Leistung von Sportlern oder zum Gleichgewicht gefunden. Die Mézières-Methode, die der Artikel als erste Phase nennt, war nicht Gegenstand unserer Überprüfung.

Quellen