Gleichgewicht und Yoga
Gleichgewicht und Yoga: die Rolle des Innenohrs — Revue Française de Yoga (1991)
Alfred Tomatis wurde 1920 in Nizza geboren. Er ist Doktor der Medizin der Pariser Fakultät, Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Spezialist für Hör- und Sprachstörungen. Bereits 1947 begann er mit Forschungen auf dem Gebiet der Audiologie und der Phonologie. Er hat eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten formuliert, die heute den Namen Tomatis-Effekt tragen.
Doktor Tomatis hat ein Ensemble von Erziehungs- und Rehabilitationstechniken geschaffen, die in 180 über die ganze Welt verteilten und zu einem internationalen Netzwerk zusammengeschlossenen Zentren angewandt werden. Er leitet heute eine bedeutende Forschungsabteilung über das Ohr und das Gehirn. Als Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Werke hat er kürzlich ein Buch über das vorgeburtliche Zuhören mit dem Titel „Neun Monate im Paradies", ein weiteres über das Erlernen von Sprachen „Wir sind alle als Polyglotte geboren" sowie ein Werk über Mozart „Warum Mozart?" veröffentlicht.
GLEICHGEWICHT UND YOGA: DIE ROLLE DES INNENOHRS
Der Yoga mündet letztlich in die Erkenntnis des in den Kosmos eingefügten Selbst. Er entspricht der Suche nach den Gesetzen, die ihre Beziehungen regeln. Das heißt, er führt zum vollkommenen Bewusstsein des einen wie des anderen.
Diese Verbindungen bestehen selbstverständlich aus sich selbst heraus. Dennoch werden sie auf den ersten Blick kaum wahrgenommen. So werden sie auch nur höchst selten erfasst. Der Mensch gelangt zu dieser Ebene der Fülle oft erst nach einem langen Weg. Er muss warten, bis ihm die Schlüssel zum Himmel ausgehändigt werden.
Wenn es nämlich wahr ist, dass das Kind das Wesen aller Dinge schon vor seiner Geburt kennt, so ist es nicht weniger wahr, dass sein Eintauchen in die Unermesslichkeit des Universums von seiner Geburt an die Wirklichkeit dieser ontologischen Evidenzen verschleiert. Fortan wird es von dem Milieu abhängig sein, in das es seine familiäre, kulturelle und soziale Zugehörigkeit einschließt.
Die Wahrnehmung der innigen Vereinigung mit der Schöpfung bleibt der Ariadnefaden des nach der geoffenbarten Wahrheit suchenden Wesens. Man erinnert sich an David, der auf erhabene Weise die offenbar gewordene Gegenwart seines Gottes, des Schöpfers des Universums, zum Ausdruck brachte, und an Sokrates, der auf der Agora lehrte, wie man zur Selbsterkenntnis gelangt, damit sich die Wirklichkeit des Kosmos im menschlichen Bewusstsein herauskristallisiere.
Der Yoga erhebt seit Jahrtausenden den Anspruch, auf einem ganz anderen Weg zu denselben Ergebnissen zu gelangen. Wenn die Wahrnehmung der Immanenz die Kinder Abrahams dazu geführt hat, die Verpflichtung zu empfinden, den in der Thora festgelegten Geboten zu gehorchen, wenn die unerbittliche Logik der Griechen ihnen die Möglichkeit verlieh, den Menschen als eine kosmische Einschließung zu objektivieren, so schlägt das indische Denken seinerseits mehrere Wege ein, um schließlich zum selben Ziel zu gelangen. Jeder von ihnen hat den Vorzug, den verschiedenen Temperamenten innewohnenden Potenzialen zu entsprechen. So wird der Bhakti-Yoga unmittelbar vom Intuitiven angenommen, der Jnâna-Yoga vom Intellektuellen; und schließlich nimmt unter vielen anderen Formen der Hatha-Yoga, der in Wirklichkeit am weitesten verbreitete, den somatischen Weg, um die innigen Verbindungen zu entdecken, die das Universum mit dem Körper des Menschen verknüpfen.
Von Letzterem werden wir in diesem Artikel ganz besonders handeln, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die anderen Ansätze in Wirklichkeit die grundlegenden Elemente des Hatha-Yoga verwenden. Ohne dessen Grundlage zu sein, bleibt dieser gleichwohl mit der Gesamtheit der verschiedenen Techniken verflochten, die den Yoga betreffen.
Der Mensch ist aus einem gewissen Blickwinkel ein neurologisches Ganzes. Daher kann der Hatha-Yoga als etwas betrachtet werden, das in gewisser Weise die Ressourcen des Nervensystems nutzt. Er ist es um so mehr, als die körperliche Beteiligung darin wesentlich ist. Überdies hängt das, was die Bewegungen und die Statik betrifft, vom Gleichgewichtsapparat ab, das heißt vom Innenohr und dem daran angegliederten neuronalen Netzwerk.
DAS INNENOHR: SEINE BILDUNG UND SEINE ROLLE BEI DER AUFRICHTUNG
Das Innenohr ist ein Komplex, der auch als häutiges Labyrinth bezeichnet wird.
[Fig. 1 — Innenohr]
Es ist in eine Schale eingeschlossen, die so dicht ist wie Elfenbein: das knöcherne Labyrinth. Im Zuge der phylogenetischen Entwicklung erreicht dieses Organ eine kompliziert anmutende Gestalt. Es ist jedoch leicht zu studieren, wenn man sich für eine Weile dem reduktionistischen Griff der Anatomen entzieht. Durch deren Eingreifen läuft nämlich oft jegliche Gesamtschau Gefahr zu verschwinden.
So verfügt das Innenohr über eine evolutive Struktur, die sich im Laufe der Zeiten herausgebildet hat, um den jeweiligen Notwendigkeiten zu entsprechen. Jedes Stadium dieses Fortschritts markiert eine Etappe in der Dynamik der Kinetik, von der man weiß, dass sie beim Menschen in ihrer Endphase zum aufrechten Stand und zum zweibeinigen Gang führt. Die Vertikalität vollendet sich beim Auftreten der spezifischen, durch die Sprache hervorgerufenen Rechtshändigkeit.
So folgt der Utriculus auf die Seitenlinie der niederen Fische und gewährleistet die Horizontalität. Indem er sich die Bogengänge angliedert, die dreierlei sind: der äußere, dann der obere und schließlich der hintere, in der Reihenfolge ihres jeweiligen Auftretens, ermöglicht er es, dass die räumlichen Ausgleichsbewegungen bei den Fortbewegungen so leicht bei den höheren Fischen kontrolliert werden. Später erst tritt der Sacculus auf den Plan, und der Wettlauf zur Vertikalität beginnt, was fortan die Befreiung des Kopfes gegenüber dem Nacken bei den Amphibien und den Lurchen markiert. Zuletzt zeichnet sich die in zwei Etappen erzeugte Cochlea durch die Lagena aus, die zunächst mit der Verlängerung des Halses bei den Vögeln einhergeht, und schließlich durch die eigentliche Cochlea bei den Säugetieren.
Hier ist nebenbei ein bedeutsames Detail zu vermerken, nämlich das des gemeinsamen Fortschreitens des Nervensystems. Während das Ohr nämlich seine aufeinanderfolgenden Zuwächse vollzieht, erreichen das Nervensystem und insbesondere das Gehirn eine immer exponentiellere Komplexität.
Die Folgen des Erwerbs der Vertikalität sind beträchtlich. Der mit dem Wort ausgestattete Mensch richtet sich nämlich wie eine Antenne auf, die dem Universum, das ihn unaufhörlich anspricht, zuhört. Von diesem Augenblick an ist er betroffen. Sein Gefühl der Zugehörigkeit zum großen Ganzen bekräftigt sich, während er dem Makrokosmos durch den Mikrokosmos hindurch begegnet, der ihn ausmacht.
Dank dieser aufrechten Haltung wird er die Verschmelzung von allem Kosmischen mit seinem eigenen Körper kennen. Er wird mit Gewissheit spüren, dass die Energie, die das Universum trägt und beseelt, ihn durchdringt und durchquert und auf diese Weise eine außergewöhnliche Kommunikation einleitet. Dieser „energetische Dialog" wird um so besser eingerichtet sein, je mehr die körperliche Geradheit erreicht und bewahrt wird und je mehr sie endgültig integriert worden ist.
Es ist also Aufgabe des häutigen Vestibulums, beim Menschen die Vertikalität zu verwirklichen. Die anfängliche Horizontalität, die in der Linie der Fische zu beobachten ist, wird nämlich auf der Ebene der Kopfhaltung fortbestehen, wenn der Utriculus selbst auf einer horizontalen Ebene liegt. Später erst leitet der Sacculus den eigentlichen Prozess der Vertikalisierung ein. Man ahnt die ungeheure anatomische Umwandlung, die dieser wahrhaften „Haltungsverklärung" vorsteht. Archaische Erinnerungen lassen im „evolutiven Körper" frühere Reminiszenzen wiederauftauchen, ebenso mineralische und pflanzliche wie tierische. Sie reichen zurück in die Nacht der Zeiten und haben als Ursprung den Anfang der Welt. Der Mensch ist im „ewigen Gedächtnis", singt der Psalmist.
DAS GLEICHGEWICHT IN DEN ASANAS
Der Hatha-Yoga taucht denjenigen, der sich ihm widmet, wieder in diesen evolutiven Prozess ein, mit dem wesentlichen Ziel, darin den Ausgang zur „Verwirklichung" zu entdecken, die manche auch die „Befreiung" nennen.
Bei genauerer Betrachtung folgt dieser Weg sehr getreu der Herausbildung der atomaren Bauelemente des Universums selbst in einem organischen Kristall, der nichts Geringeres ist als der zu 80 % aus Wasser und zu 20 % aus Mineralsalzen bestehende Mensch.
Alles ist Gleichgewicht in den vielfältigen Asanas, die dem Schüler vorgeschlagen werden. Daher scheint mir ein vertiefteres Studium des Vestibulo-Cochlear-Apparates, wenn nicht unerlässlich, so doch zumindest höchst nützlich für jene, die es lieben, die neurophysiologischen Mechanismen zu verstehen, die bei den den yogischen Weg begleitenden Übungen ins Spiel gebracht werden. Zu sagen, es gebe ein Gleichgewicht, bedeutet zu sagen, dass es Bewegung gibt. Das ist kein bloßes Paradoxon. Die Unbeweglichkeit existiert nur in Bezug auf die Beweglichkeit selbst. Insofern bilden das Gleichgewicht und insbesondere die Vertikalität sowie ein großer Teil der Asanas einen instabilen Zustand, der eine ständige Wachsamkeit erfordert und daher eine besondere Aktivität des häutigen Labyrinths verlangt. Mehr noch: die relativen Bewegungen jedes der Segmente der körperlichen Gliedmaßen erweisen sich als von demselben Organ kontrolliert.
Das Körperbewusstsein ist zu einem großen Teil auf die somatische Kenntnis zentriert, die auf der Ebene der Muskeln, der Sehnen, der Gelenke, der Bänder und der Knochen erzeugt wird. Dazu kommen weitere, feinere Wahrnehmungen, etwa kutane. Die ersteren, die tiefen, werden als protopathisch bezeichnet, wenn sie die — unserer Ansicht nach zu Unrecht — als unbewusst benannte Sensibilität bestimmen. Die zweiten, in der Regel peripherer, werden als epikritisch bezeichnet. Die Begriffe protopathisch und epikritisch sind bedeutsam in Bezug auf den Grad der Wahrnehmung.
Um die Gesamtheit der Phänomene zu erfassen, die bei den die Haltungen und insbesondere die Vertikalität bestimmenden Regulationen ins Spiel kommen, bildet sich eine kybernetische Systemik heraus. Es ist offensichtlich, dass das Gehirn in seiner Gesamtheit (wie auch der Körper) beteiligt ist, wobei es selbstverständlich bestimmten Bereichen des Nervensystems, die den beanspruchten Körperzonen entsprechen, überwiegende Aktivitäten überlässt.
DIE FÜR DAS GLEICHGEWICHT VERANTWORTLICHEN SYSTEME: DIE INTEGRATOREN
Das Innenohr umfasst die wesentlichen Elemente, die es erlauben, diese zerebrale Dynamik herzustellen. Die Komplexität dieser Dynamik mit ihren hundert Milliarden assoziierten Neuronen lässt sich nämlich leicht studieren dank der Herausarbeitung von Territorien, die durch eben die Funktionen des häutigen Labyrinths klar definiert sind. So vereinen zwei „Integratoren" allein die höchsten Aktivitäten der menschlichen Struktur. Der eine beherrscht die protopathische Sensibilität, der andere die epikritische Sensibilität. Es sind dies der vestibuläre Integrator beziehungsweise der cochleäre Integrator, die auch als der eine, der somatische, und der andere, der linguistische, anerkannt sind. Man wird einerseits vom körperlichen Instrumentalensemble und andererseits vom kortikalen System sprechen. Dieses, eminent aktiv, ist der Sitz des Willens, der vom Bewusstsein durchdrungen wird.
Der somatische Integrator
Das neuronale System, das den somatischen Integrator bildet, entspringt im Vestibulum, von dem man sich erinnert, dass es den von seinen Bogengängen überragten Utriculus und im Übrigen den ihm senkrecht angegliederten Sacculus umfasst. Der Vestibularnerv (Fig. 2), der aus dem Scarpa-Ganglion hervorgeht, richtet sich zum oberen Teil der Medulla, welche das Rückenmark überragt. Dort, nachdem er sich auf der Ebene von vier Kernen verteilt hat, gibt er verschiedene Faserbündel ab. Das erste, das untere äußere, das vom Deiters-Kern ausgeht, zieht nach unten und verteilt sich einseitig auf die unterhalb des Halses auf derselben Seite gelegenen Körpermuskeln. Dieser absteigende Trakt ist nicht willkürlich motorisch, wie zuvor präzisiert wurde. Er wird daher als extrapyramidal bezeichnet, im Gegensatz zum Pyramidenbündel, das allein die willkürliche Aktivität monopolisiert. Wenn man tatsächlich einräumt, dass der sich herausbildende vestibuläre Integrator in gewissem Maße die instrumentelle, an sich passive Aktivität zentralisiert, kann man daraus ableiten, dass das Pyramidensystem die aktive Rolle des Lenkers bekleidet.
[Fig. 2 — Vestibulärer oder somatischer Integrator. (1. Utriculus; 2. Bogengänge; 3. Sacculus; 4. Scarpa-Ganglion; 5. Roller-Kern; 9. Gleichseitiges Vestibulo-Spinal-Bündel; 10. Gegenseitiges Vestibulo-Spinal-Bündel; 11. Vorderhorn; 12. Hinterhorn; 13. Vorderwurzel; 14. Muskeln; 15. Gelenke; 16. Knochen; 17. Haut; 18. Flechsig-Bündel; 19. Gowers-Bündel; 20. Bulbärolive; 21. Globulus; 22. Embolus; 23. Roter Kern; 24. Rubro-Spinal-Bündel; 25. Olivo-Spinal-Bündel.)]
Die Muskeln der dem Deiters-Kern entsprechenden Körperhälfte erhalten also ihre vestibuläre Innervation. Eine sensitive Rückmeldung gewährleistet ihnen die notwendigen Anpassungen, damit eine Gesamtkoordination aufrechterhalten bleibt. Hierzu werden zwei sensitive Wege beschritten. Der eine, der im subdiaphragmatischen Teil vorherrscht, ist speziell der unteren Gliedmaße vorbehalten. Es handelt sich um das Flechsig-Bündel, das einen aufsteigenden gleichseitigen Weg nimmt und sich auf das Paläozerebellum projiziert. Der andere Weg ist vor allem in der supradiaphragmatischen Zone verteilt, namentlich zur oberen Gliedmaße hin. Er verwirklicht das Gowers-Bündel, das sich vom vorherigen darin unterscheidet, dass es die Mittellinie des Rückenmarks kreuzt, um nach oben in Richtung der Brücke zu ziehen, also über die Medulla hinaus. Dort kreuzt es erneut die Mittellinie, wird also gewissermaßen wieder gleichseitig und endet wie das vorherige auf der Ebene des Paläozerebellums, auf dem die Projektionen des Körpers gesammelt werden.
Ohne in ein vertieftes Studium dieses Teils des vestibulären Integrators einzutreten, dem noch der Rote Kern und die Bulbärolive hinzuzufügen wären, können wir verkürzt sagen, dass sich ein gewaltiges Netzwerk bildet. Es wird die Herausbildung einer Organisation gewährleisten, die sich durch das Zusammenspiel der übrigen Bauelemente der drei verbleibenden vestibulären Kerne vervollständigen wird.
Zunächst haben wir den unteren und inneren Kern oder Roller-Kern. Er gibt Fasern ab, die, nachdem sie das Rückenmark durchquert und das gegenseitige Vestibulo-Spinal-Bündel gebildet haben, sich an die Antagonisten-Muskeln jener wenden, die vom gleichseitigen Vestibulo-Spinal-Bündel abhängen. Man erinnert sich, dass dessen Ursprung auf der Ebene des Deiters-Kerns liegt. Sodann ist der obere und äußere Kern, der Bechterew-Kern genannt wird, in Wirklichkeit ein Kommunikationsrelais zwischen dem Vestibulum und dem Kleinhirn dank afferenter und efferenter Verbindungen. Diese direkte Beziehung bildet ein wichtiges Element dafür, dass sich das Vestibulum auf das Archäozerebellum projiziert, welches mit dem Paläozerebellum über ein dichtes Netzwerk von Dendriten verbunden sein wird, der Verlängerung der Purkinje-Zellen. Dieses zerebelläre Dendritengewebe ist gewiss eines der hauptsächlichen Territorien, auf dem sich die Kontrollverbindungen der Haltungsaktivitäten herstellen. Schließlich ist ein letzter oberer und innerer Kern, der Schwalbe-Kern, der Ursprung zweier aufsteigender Trakte, eines äußeren und eines inneren, die sich im oberen Teil in den Kernen von Thomas und von Darkschewitsch teilweise vereinigen, bevor sie sich auf der Ebene des hinteren Längsbündels fortsetzen. Auf seinem absteigenden Verlauf gibt dieses Fasern ab, um die verschiedenen Hirnnerven zu erreichen, wodurch es möglich wird, dass auch die oberhalb des Halses gelegenen Muskeln unter der Leitung des Vestibulums stehen.
So sind ausnahmslos alle Muskeln des Körpers von diesem Organ abhängig. Es ist zu präzisieren, dass die Bündel, die wir soeben zuletzt gesehen haben und die vom Schwalbe-Kern ausgehen und oft unter dem Namen spino-mesenzephale Bündel bezeichnet werden, von unten nach oben eine nervliche Verbindung mit den Kernen der VI., IV. und III. Hirnnervenpaare herstellen, das heißt mit den Kernen, die mit der Innervation der Augenmuskeln betraut sind (Fig. 3). Dieser Beitrag ist von besonderer Bedeutung, denn er offenbart die maßgebliche Interferenz des vestibulären Apparates mit der Dynamik des Auges beim Sehen.
[Fig. 3 — Visueller oder räumlicher Integrator. (1. Auge; 2. Sehnerv; 3. Okzipitalareal; 4. Äußerer Kniehöcker; 5. Tecto-Spinal-Bündel; 6. Kern des dritten Paares; 7. Kern des vierten Paares; 8. Kern des sechsten Paares; 9. Mesenzephales Bündel; 10. Vestibulum.)]
Das Pyramidenbündel: seine „Steuerungs"-Rolle bei der Gleichgewichtsregulation
Das Zusammenspiel des Gleichgewichtsapparates besteht im Grunde darin, den Körper auf alle mit den Bewegungen verbundenen Aktivitäten sowie auf jene vorzubereiten, die von der Suche nach der Statik beansprucht werden. Es ist notwendig, ihm ein wahrhaftes „Steuerungs"-System hinzuzufügen. Diese Rolle wird dem Pyramidenbündel zufallen. Es würde mir gefallen, hier vom „pyramidalen Integrator" zu sprechen, der in Wirklichkeit derjenige der Übertragung des willkürlichen Aktes ist. Er könnte das Pyramidenbündel selbst umfassen, verbunden mit den direkten und gekreuzten sensitiven spino-thalamischen Bündeln, dank derer die Kontrolle des Aktes ausgeführt werden wird.
So erhält die Gesamtheit der Trakte eines „Integrators" ihren vollen Sinn. Sie definiert das durch die Funktion gebildete neuronale Territorium. Dieser Ansatz, der einer operativen Wirklichkeit entspricht, ist leichter zu erfassen als die systematische Aufzählung der Nerven nach der klassischen, jeglicher Gesamtschau entbehrenden Beschreibung. Wir begreifen nämlich, dass es eine praktische Auffassung ist, das Nervensystem unter einem Gesichtspunkt anzugehen, bei dem die Funktion als Träger unserer Untersuchung genommen wird. Sie sagt uns um so mehr zu, als sie vollkommen der Ausarbeitung jedes der Stadien entspricht, die es dem Menschen erlauben, die verschiedenen Etappen der Evolution zu überschreiten, damit sich eines Tages in ihm eine tiefe Beziehung zum Logos einstelle.
Der linguistische Integrator
Genau in diesem Augenblick, in dem die Sprache alle ihre Rechte innehat und in dem die Welt durch ihre Vermittlung unter dem medialen Blickwinkel zu existieren beginnt, drängt sich der linguistische Integrator in unsere Darlegung. Man erinnert sich, dass er auch unter der Rubrik des cochleären Integrators vorgestellt wird. Die Bedeutung dieses neuen Netzwerks ist beträchtlich, denn dank seiner kann die menschliche Sprache erblühen und das bekannte Ausmaß erreichen. Es vollendet den Erwerb der Vertikalität, ohne die die dem Menschen innewohnende Fähigkeit zu sprechen nicht dazu gelangen würde, die für diesen ihm so eigentümlichen Sprechakt unerlässlichen Funktionen auszuarbeiten.
Die Cochlea ist dem Sacculus angegliedert, wie wir bereits angemerkt haben. Sie stellt das letzte in der Evolution der Strukturen des Innenohrs aufgetretene Kettenglied dar. Sie verwandelt den menschlichen Körper in eine nicht nur zuhörende, sondern auch schwingende, resonierende Antenne. Durch ihre Vermittlung wird er zum wesentlichen Instrument der Sprache, die auf der Musik jeder Sprache modulieren wird.
Aus der Cochlea, in ihrem inneren Teil, entspringen die auf der Ebene der Basilarmembran gesammelten und in Form des Corti-Ganglions zusammengefassten Fasern, das im Zentrum der cochleären Schnecke liegt, die unter dem Begriff Columella bekannt ist. Der Cochlearnerv entsteht nach diesem ganglionären Relais und richtet sich zum oberen Teil der Medulla, in den er auf demselben Niveau eindringt wie der Vestibularnerv. Dort empfangen ihn Kerne und dienen als Relais; es sind ihrer zwei. Der eine, vordere, wird ventral genannt, während der andere, der hinten liegt, den Namen dorsal trägt. Von jedem dieser beiden Kerne gehen zwei Bündel aus. Das wichtigste von ihnen durchquert horizontal die Mittellinie und vereinigt sich mit seinem Gegenstück auf der entgegengesetzten Seite. Das andere, aufsteigende, beteiligt sich am Aufbau des lateralen Lemniscus mit den Fasern, die aus dem ventralen und dorsalen Kern kommen und vom Cochlearnerv des anderen Ohres ausgehen. So steigen zwei Bündel zu den folgenden Relais empor, die sie auf der Ebene des Thalamus in dessen hinterem, Pulvinar genanntem Teil erreichen (Fig. 4). Sie bestehen jeweils zu zwei Fünfteln aus gleichseitigen Fasern und zu den verbleibenden drei Fünfteln aus gegenseitigen Fasern. Wie man sieht, schlagen die beiden lateralen Lemnisci eine Brücke zwischen dem oberen bulbären Teil und dem enzephalen thalamischen Teil.
[Fig. 4 — Cochleäres System. (1. Cochlea; 2. Dorsaler Cochleariskern; 3. Ventraler Cochleariskern; 4. Lateraler Reil-Streifen; 5. Innerer Kniehöcker; 6. Thalamus; 7. Heschl-Windung.)]
Von diesem dritten Relais ziehen Nerventrakte in Richtung der ersten temporalen Windung, der Heschl-Windung (Fig. 5). Es ist die Ankunft des Cochlearnervs auf der Zone 41, dem Projektionsort der Cochlea selbst, dort, wo die Decodierung beginnt. Die so auf dieser Ebene gesammelte Information muss in die darunterliegende Zone 21 übergehen, um dort wiedererkannt zu werden, was voraussetzt, dass sie zuvor gespeichert worden ist. Um diese Einlagerung vorzunehmen, spielt die unmittelbar unter der vorhergehenden gelegene temporale Zone 22 die Rolle eines Reservoirs. Ihr Name ist in dieser Hinsicht im Übrigen sehr suggestiv; sie wurde nämlich 1870 von einem Anhänger Brocas, Charlton Bastian, die Zone des nominativen Gedächtnisses genannt.
[Fig. 5 — Hörareal. (1. Schläfenlappen; 2. Areal 41 (sensoriell); 3. Areal 42 (gnostisch); 4. Areal 22 (motorisch).)]
Das ist noch nicht alles, denn die Ausdehnung dieses Gedächtnisareals beschränkt sich nicht auf die Zone 22 selbst. Sein Territorium ist in Wahrheit ungeheuer. Deshalb ist es imstande, eine beträchtliche Anzahl von Informationen zu speichern, sie zu inventarisieren, die Listen der Ähnlichkeiten und der Unähnlichkeiten aufzustellen. Und es ist um so wirksamer, als sich seine Aktivität auf einem besonderen Register äußert. Im Gegensatz nämlich zu den beiden ihm vorhergehenden Zonen, die im Wesentlichen sensorieller Natur sind, entspricht es seinerseits den Eigenschaften der motorischen extrapyramidalen Zonen. Das heißt, sein Eingreifen wird von großer Bedeutung sein. Es hat tatsächlich einen Einfluss auf das gesamte extrapyramidale zerebrale Netzwerk, mit dem es verbunden ist und das im Einklang mit dem vestibulären Integrator arbeitet. Man erinnert sich, dass dieser die Grundlage selbst eines gewaltigen somatischen Netzwerks ist, was im Klartext bedeutet, dass jede Klanginformation ihre körperliche Entsprechung haben wird. Fügen wir dem hinzu, dass jede Musik ihre selektive Wirkung auf diesen oder jenen Teil des Somas bestimmen wird und dass die Sprache ihrerseits wirklich inkarniert, „verkörperlicht" sein wird.
Die Wege, die das nominative Areal nutzt, um sich auszubreiten, beginnen mit dem Turck-Meynert-Bündel (Fig. 6), das zu den Kernen der Brücke führt. Von dort erfolgt eine Projektion auf der Ebene des Neozerebellums, das auf dem entgegengesetzten Kleinhirn liegt. Beiläufig sei angemerkt, dass das Dendritennetzwerk der Purkinje-Zellen hier die an die Bereiche des Paläo- und des Archäozerebellums übermittelten Informationen sammelt. So wird das kontralaterale Vestibulum informiert. Von der Projektion auf das Areal des Neozerebellums setzt sich der begonnene Schaltkreis in Richtung des Nucleus dentatus fort und verlässt sodann das Kleinhirn. Nach diesem letzten Relais setzt sich der Verlauf zum Thalamus fort, den er in seinem zentralen Teil erreicht und den er durchquert, um sich buchstäblich über den gesamten extrapyramidalen Kortex auszubreiten. Das heißt, er erreicht ein bedeutendes Territorium, sowohl auf dem Frontalareal vor dem pyramidalen Areal als auch auf dem Parietalareal hinter der aufsteigenden parietalen Windung. Diese ist dazu bestimmt, die epikritische Sensibilität des pyramidalen Integrators zu sammeln, der, wie man sich erinnert, derjenige der willkürlichen Steuerung ist.
[Fig. 6 — Schaltkreis Kortex-Brücke-Kleinhirn-Thalamus-Kortex. (1. Areal 22 (motorisch); 2. Turck-Meynert-Bündel; 3. Kern der Brücke; 4. Neozerebellum; 5. Nucleus dentatus; 6. Purkinje-Netzwerk; 7. Roter Kern (neo-rubrisch); 8. Thalamus; 9. Kortikale Projektion und Rückkehr zur Brücke; 10. Balken.)]
Schließlich steigen von dieser weiten Gesamtheit von Regionen, die von der stets durch die Aktivität der temporalen Zone 22 gespeisten Information beansprucht werden, rückläufige Fäden wieder herab, die sich von jedem der Einmündungspunkte der thalamo-kortikalen Bündel ablösen, in Richtung der Kerne der Brücke. Von diesen Relais aus nimmt die neuronale Bahn erneut ihren Lauf zum Neozerebellum auf und schafft so den großen Schaltkreis, der „kortiko-ponto-zerebello-dentato-thalamo-kortikal" genannt wird. Dank dieses Schaltkreises bildet sich die Einprägung mit um so tieferer Verankerung, als bei jeder Vollendung einer Runde dieser langen Reise die ursprünglich durch einen vom Nucleus dentatus ausgehenden Nervenfaden gesammelte Information eine Injektion an den Roten Kern abgibt. Dieser tritt dann in Beziehung zu den vestibulären Bündeln, die sich über die vorderen Wurzeln des Rückenmarks auf diese Weise an alle Muskeln des Körpers verteilen können. Diese sind dadurch von einem gewissen Gedächtnis geprägt.
Dieser Gang durch das Labyrinth einer funktionalen Neurologie läuft bei einer ersten Lektüre Gefahr, als etwas ein wenig Mühsames empfunden zu werden. Wir glauben jedoch, dass er sich im Maße aufhellen wird, wie Vertiefungsverfahren wiederholt werden. Gewiss muss man damit beginnen, die Orte zu erfassen und sie zu identifizieren, um jede der Gesamtheiten unterscheiden zu können, die die beschriebenen Integratoren betreffen. Man erinnert sich, dass diese Zeilen für jene geschrieben wurden, die den Wunsch geäußert haben, zu verstehen. Jene, die zunächst weniger interessiert sind, können sehr wohl darauf verzichten, ihre Anstrengungen fortzusetzen, um diese Begriffe gegebenenfalls später wieder aufzugreifen, wenn sich das Bedürfnis danach einstellt.
HATHA-YOGA UND NEUROPHYSIOLOGIE DES OHRES
Auf dem gegenwärtigen Stand sind die Beiträge der Wissenschaft derart, dass man berechtigt ist, die Wirkungen des Hatha-Yoga besser zu erfassen. Man kann sie gewiss überprüfen, ist aber oft genötigt, sie durch einen Akt des Glaubens anzunehmen, ohne wirklich die Mechanismen aufdecken zu können, die der Herausbildung dieser Ergebnisse vorstehen. Glücklicherweise bestehen noch viele Geheimnisse fort, und andere, die man nicht erwartet hatte, werden das Suchen der Forscher nähren, die mit den von der Physiologie im Allgemeinen aufgeworfenen Problemen befasst sind.
Die „Zellgedächtnisse". Die Sprache der Asanas
Als Kunst des Haltungsgleichgewichts ruft uns der Hatha-Yoga hinsichtlich der Bedeutung selbst der verschiedenen Asanas an. In Wirklichkeit geht es darum, auf der Ebene des Körpers den semantischen Wert jedes einzelnen von ihnen zu entschlüsseln. Mit anderen Worten kann eine solche Forschung nur dann wirklich unternommen werden, wenn man einräumt, dass das Soma irgendwo Erinnerungen eingespeichert hat, dass es sie mit einer subtilen Intelligenz gesammelt hat, bis es sie eingrub, das heißt, bis es ihnen die Form eines Diskurses verlieh. Man kann von einer scheinbar nichtverbalen Sprache sprechen, die in Wirklichkeit nur danach verlangt, dank des vestibulo-cochleären Substrats Sprachform anzunehmen. Es handelt sich im Grunde im einen Fall um eine körperliche linguistische Absorption und im anderen um eine Verbalisierung der somatischen Erinnerungen.
In Ermangelung einer Dialektik zwischen diesen beiden Polaritäten läuft man Gefahr, dass sich psychosomatische Fixierungen einstellen, in denen die relationale Dynamik auf der Ebene dieser beiden Pole sich nach und nach verringert. Sie wird so weit gehen, sich in bedeutsamen pathologischen Veränderungen auszudrücken, die ebenfalls semantisch bedeutend sind, jedoch im Modus einer oft nicht verstandenen Metasprache. Was die schlichte Weigerung betrifft, ein solches Engagement zu begreifen, in dem der Körper zum Behältnis dieses geheimen Diskurses wird, so führt sie unausweichlich zur Entfremdung, die, wie man sieht, mit der Unterdrückung der Kommunikation mit sich selbst beginnt.
Die Asanas sind tiefgründige Dialoge, aus denen im Laufe der Zeit Kristallisationen dieser bis ins Tiefste der zellulären Seele integrierten Erinnerungen hervorgehen. Um ausgeführt zu werden, erfordern sie zugleich eine willentliche Hingabe, damit der Körper sich ausdrückt, und eine geschärfte Wachsamkeit, um die Botschaften zu decodieren, die er formuliert. Es versteht sich von selbst, dass man warten können muss, denn nicht im Augenblick taucht das Innerste auf und wird die entsprechende Entschlüsselung erworben. Man wird mit der Zeit rechnen müssen und sich nicht davor scheuen dürfen, ernstlich diesem Körper zu begegnen, von dem man argwöhnt, dass er als unerwünscht etikettierte Erinnerungen enthält.
Gleichwohl führt der gut geleitete Hatha-Yoga denjenigen, der sich ihm widmet, indem er Entspannung und Bewusstsein verbindet, zur Entdeckung des Dialogs zwischen seinem Körper, den er zu formen, zu bildhauern vermag, bis er ihn als eine empfangende Antenne wahrnimmt, und dem Schöpfer aller Dinge, der ihn einlädt, am fabelhaften Schauspiel des Universums teilzunehmen.
Es würde uns gefallen, eine solche Entwicklung fortzusetzen, so sehr sind die Annäherungen zwischen dem Hatha-Yoga und der Neurophysiologie des Innenohrs korreliert. Ohne den uns in diesem Artikel zugemessenen Raum allzu sehr zu überschreiten, sagen wir einige Worte über die cochleo-vestibuläre Gesamtheit. Wir werden zugleich versuchen, uns eine ganz besondere Haltung vorzustellen: den Lotos. Schemata werden es uns erlauben, gewisse Vereinfachungen vorzunehmen.
Organisation und Funktionsweise des cochleo-vestibulären Apparates
[Fig. 7 — Vestibulum]
Wenn wir den Utriculus mit seinen drei Bogengängen (bg) nehmen, eine in Fig. 7 nunmehr vertraut gewordene Gesamtheit, und ihn in Fig. 8 von oben betrachten, werden wir die Anordnungen der bg besser sehen. Physiologisch äußern sich ihre aktiven Teile in den Ampullen, in denen sich die Sinneszellen befinden, die die Verschiebung der in den bg zirkulierenden endolymphatischen Flüssigkeit beurteilen. Fig. 9 markiert die Befestigungen der Ampullen; es sind ihrer drei: die äußere bge, die obere bgo, die hintere bgh. Fig. 10 stellt die Projektion dieser Anordnungen auf die Basalplatte des Utriculus dar, den Ort, an dem sich die zilientragenden Sinneszellen verteilen. Die auf der Oberfläche der Utriculusplatte gezeichnete gekrümmte Linie ist der Konvergenzort der endolymphatischen Flüsse, namentlich am Austritt der ampullären Flüssigkeiten.
[Fig. 8 — Fig. 9 — Fig. 10]
[Fig. 11]
Wenn man die beiden Utriculi in Bezug auf die Mittellinie schematisiert, bemerkt man, dass entgegen der üblichen Auffassung die beiden Vestibula keineswegs parallel sind. Ihre Achsen konvergieren nämlich nach vorn entsprechend den Felsenbeinpyramiden (Fig. 11), die sie enthalten, und bilden so einen Winkel von 45 Grad mit der Mittellinie, also 90 Grad zueinander. So dass der stets als sagittal beschriebene bgo in Wirklichkeit nach vorn und nach innen um 45 Grad schräg verläuft, während der gewöhnlich als frontal betrachtete bgh sich nach hinten und nach innen schräg verlaufend erweist, ebenfalls um 45 Grad. Aus diesen Ausrichtungen ergibt sich, dass jeder bgo und bgh jeder Seite nicht der Parallele seines Gegenstücks, sondern des Teamkollegen dieses Letzteren ist.
So arbeiten die beiden Vestibula wohl zusammen, aber nicht parallel. Sie verwirklichen einen wahrhaften Dialog von Angesicht zu Angesicht, also nicht in Opposition, sondern in einer dialektischen Beziehung, die auf ständigen Kompensationen und unaufhörlichen Anpassungen aufbaut.
Das Auftreten jedes der bg im Zuge des phylogenetischen Fortschritts muss hier die Aufmerksamkeit fesseln. Der bge tritt nämlich zuerst bei den Agnathen auf, Fischen, bei denen während der Fortbewegungen die seitlichen Winkelbewegungen erleichtert werden, wahrscheinlich durch eine leichtere Mobilisierung ihrer antero-lateralen Flossen, der ersten Ansätze der oberen Gliedmaßen. Der bgh, der frontale der alten Auffassung, kommt als zweiter und führt die Aktivität der postero-lateralen Flosse ein, des Ursprungs der künftigen unteren Gliedmaße. Schließlich tritt der zuvor sagittal genannte bgo auf. Seine Rolle wird spezifischer dem Gleichgewicht des Kopfes bestimmt sein. Der englische Begriff „balance" würde sich vorzüglich eignen, um seine Funktion zu veranschaulichen.
In der sich herausbildenden Struktur fehlt noch die Kontrolle des Thorax und des Abdomens, des Rumpfes im Grunde. Der phylogenetische Fortschritt, verdoppelt durch den ontogenetischen Prozess, erhellt auf ganz beredte Weise die evolutiven Mechanismen. Das hier festzuhaltende grundlegende Element ist nämlich die anfängliche Verschmelzung, die den Kopf mit dem Thorax verbindet. So erweist sich der Cephalo-Thorax als die primitive Form ohne mögliche Unterscheidung zwischen diesen beiden Teilen, die später so sehr voneinander befreit werden. Sie werden gleichwohl lange brauchen, um in das integriert zu werden, was man gewöhnlich unter dem Begriff „Körperbild" bezeichnet.
Man erinnert sich, dass das Kind während einer gewissen Zeit keine Zeichnung hervorbringen kann, die es darstellen würde, ohne ein ganz rundes Männchen wie eine Kugel zu kritzeln (Fig. 12). Bald werden die beiden oberen Gliedmaßen an den Seiten hervorbrechen (Fig. 13). Merkwürdige Tatsache: sie treten genau dort hervor, wo sich später die beiden Ohren ansiedeln werden. Es ist in der Tat so, dass dann seine Hände zuhören. Erst etwas später laden zwei senkrechte, von der Kugel herabgehende Striche dazu ein, daran zu denken, dass die unteren Gliedmaßen in dem Bild ihren Platz eingenommen haben, das das Kind von sich hat (Fig. 14). Schließlich, eines schönen Tages, unterscheidet sich der Kopf vom Rumpf (Fig. 15).
Wohnt man letztlich nicht dem Auftreten der den Bogengängen zugeordneten Abhängigkeiten bei, die sich funktionell in der Reihenfolge des Evolutionsprogramms positionieren? Alles bewegt uns dazu, es zu denken. Überdies beschleunigt sich dieser Fortschritt mit dem Auftreten der Sprache. Die hier erzeugte Induktion ist beträchtlich und äußert sich durch eine verzehnfachte Energie.
Aber um auf die Beziehungen zurückzukommen, die sich zwischen den Bewegungen und ihren cochleo-vestibulären Komponenten herstellen, mit denen sie solidarisch sind, kann man sagen, dass die Asanas sicherlich die verfeinertsten Modelle der Gestik sind, die den optimalen Aktivitäten des Innenohrs entspricht. So ist jede Haltung die sichtbare körperliche Darstellung einer ganz spezifischen Stellung des auditiven Labyrinths. Diese Letztere bleibt verborgen, aber sie existiert. Sie ist reproduzierbar und bestimmt durch ihre Gegenwart dieselbe körperliche Antwort.
[Fig. 12 — Fig. 13 — Fig. 14 — Fig. 15]
Sprache und Gleichgewicht: die Rolle der Cochlea
Wir haben summarisch gesehen, wie sich das Vestibulum mit seinen ersten Elementen anordnet. Es bleibt die Cochlea. Als letzte aufgetreten, ist sie charakteristisch für das Ohr der Säugetiere und findet ihre volle Verwendung beim Menschen, wenn sie sich dem Zuhören widmet. Sie wird zum Dirigenten einer Organisation, die alle Sinnesorgane zusammenführt mit dem Ziel, den Körper zu einer zuhörenden Antenne werden zu sehen. Wir haben das Wesentliche dieses evolutiven Weges angesprochen. Es ist gleichwohl gut, dass wir versuchen, die Rolle der Cochlea, des zuletzt aufgetretenen Elements, zu verstehen.
Die Sprache, haben wir mehrmals präzisiert, bemächtigt sich des menschlichen Instruments. Buchstäblich gepackt von dieser hochrangigen Fähigkeit, die ihm die Pforten des Bewusstseins öffnen wird, wird der Mensch sich aufrichten. Wir wissen, wie er durch das Zusammenspiel des Vestibulums dazu gelangt. Sodann wird er sich dextralisieren. Dank der Hinzufügung der Cochlea in ihrer Funktion des Zuhörens werden diese grundlegenden Umwandlungen möglich gemacht.
Welches wird die Rolle der Cochlea bei diesem neuen Fortschritt sein? Sie wird darin bestehen, die Klänge aufzuspüren, wird man uns antworten, und ihre verschiedenen Merkmale wiederzuerkennen: Intensität, Klangfarbe, Modulationen, Rhythmen und Sequenzen. Das ist wahr, aber weitgehend ungenügend. Durch eine solche Funktionsdefinition nämlich, die der Analyse der Klänge durch das Ohr entspricht, erscheint der Körper nicht. Alles liefe darauf hinaus zu sagen, dass das Ohr sich selbst genügte und dass es allein wirkte. Es ist in dieser Ausführung genug gesagt worden, damit man weiß, dass es sich nicht so verhalten kann. Der Körper beteiligt sich zur Gänze, ebenso wie das Nervensystem gleichfalls beansprucht wird.
Die Fähigkeit des Zuhörens mündet in die gesprochene Funktion, während sich die Kommunikation einrichtet. Aber zu sprechen heißt, auf dem Körper des anderen zu spielen. Was bedeutet, dass der Sprecher auf dem seinen zu spielen weiß. Wie soll man dazu gelangen, alle Informationen, die wir soeben dargelegt haben, in Einklang zu bringen, wenn wir weiterhin denken wollen, dass das Ohr anatomisch aus Stücken und Teilen gemacht ist, dass das Vestibulum ein dem Gleichgewicht gewidmetes Organ ist und dass die Cochlea ein ganz anderer, dem Zuhören bestimmter Apparat ist? Es genügt, sich an die Tatsache zu erinnern, dass das Ohr ein Ganzes ist und dass, wenn das Vestibulum tatsächlich das Gleichgewicht bietet, die Cochlea ihrerseits die für die Ausarbeitung der Sprache unerlässliche Vertikalität herbeiführt. Ihre Rolle ist wesentlich, weil im Akt der Sprache der Körper selbst zu einem Frequenzanalysator wird.
Selbstverständlich bedarf es eines Lernens, um das Ohr und den Körper aufeinander abzustimmen, damit sie zusammen arbeiten und auf dieselbe Wellenlänge geschaltet sind. Die Cochlea ist die körperliche Replik, während der Körper eine empfindsame Struktur ist, vor allem auf der Ebene der Haut. Diese ist nämlich imstande, nach einer Zeit der Akkommodation, frequentielle Wiedererkennungen vorzunehmen. Sie wird es um so besser tun, als die Cochlea sie dazu anhält, analoge Antworten zu üben. In Ermangelung des Hörens ist diese Konditionierung schwieriger zu verwirklichen, aber es ist möglich, dazu zu gelangen. Es handelt sich dabei um ein höchst interessantes Mittel, um den von Taubheit getroffenen Behinderten zu helfen.
Die Cochlea ist ein Rotationsparaboloid (Fig. 16). Als solches würde es, wenn ein komplexer Klang auf es träfe, in Resonanz geraten, nicht in seiner Gesamtheit, sondern auf iso-frequentiellen Zonen, die den im Spektrum des betreffenden Klangs enthaltenen Frequenzen entsprechen. So wird sich der Klang auf einer dieser iso-frequentiellen Parallelen ansiedeln und auf der Einfügungslinie des Corti-Organs, von der man weiß, dass sie sich auf einer aufsteigenden helikoidalen Spirale entfaltet. Eine Art Zerlegung in Orangenschalen zeichnet sich so auf der Oberfläche des Paraboloids ab und bestimmt den selektiven Punkt jeder Frequenz.
Ebenso verhält es sich mit dem Körper. Jeder Klang verteilt sich nämlich an einer ganz bestimmten Stelle, die einem ebenfalls definierten Ort entspricht. Dieser Letztere entspricht seinerseits einer metamerischen Scheibe des Körpers, das heißt, er liegt auf der Ebene jedes der Wirbel oder genauer entspricht den verschiedenen Austrittsstellen der Wirbelnerven.
Das Asana des Lotos: ein referentielles Modell
Aber kommen wir zum Lotos zurück, der idealen und für den Yoga selbst repräsentativen Haltung. Das Selbstbild in dieser Lage findet sich in der klassischen Durchdringung zweier Dreiecke wieder: das eine aus dem „Himmel" herabsteigend, das andere aus der „Erde" hervorbrechend. Diese beiden Bilder lassen sich auch visualisieren, indem man bedenkt, dass das, was die beiden Schultern trägt, die breit ausgebreiteten Rückenmuskeln sind, die nach unten an den Beckenkämmen vertäut sind und am unteren, vom Kreuzbein und vom Steißbein bekrönten Scheitel enden. Ein zweites gleichschenkliges Dreieck wie das vorhergehende, das den äußeren Teil der beiden Hüften zur Basis hat, hängt sich mit seinem Scheitel an den okzipitalen Fortsatz, der am hinteren Teil des Schädels liegt. Diese empfundenen Dreiecke helfen beträchtlich dabei, die Rückenhaltung in Geradheit zu regulieren. Erinnern wir daran, dass diese Letztere schwer zu integrieren ist mangels der Darstellung spezifischer, gut entwickelter Bereiche auf den motorischen und sensorischen Arealen des frontalen und parietalen Kortex.
Was den als referentielles Modell gewählten Lotos betrifft, können wir uns vorstellen, dass namentlich die seitlichen Seiten des oberen Dreiecks die Erzeugenden eines nach oben gerichteten Rotationsparaboloids sind. Von da an wird die Wirbelsäule dessen Mittelachse sein. Die Öffnung des Winkels am Scheitel wird je nach anatomischer Struktur, aber auch je nach Stadium der Entwicklung in der Praxis der yogischen Übungen variabel sein, und besonders je nach jenen, die die Beherrschung der Energiezirkulation anstreben. Der Mensch kann sich nunmehr als einen vorstellen, der einen auf der Ebene der Utriculusbasis kontrollierten Sitz hat, welche die Horizontalität des Kopfes, der Schultern, des Zwerchfells, der Hüften, des Kreuzbeins und damit des Steißbeins regelt. Zugleich erscheint er umhüllt vom Umkreis des Rotationsparaboloids, auf dem sich die iso-frequentiellen Striche einschreiben, die jenen entsprechen, die auf der Cochlea bestimmt sind, genauer auf der rechten und linken Cochlea.
So findet sich der Mensch zentriert, ausbalanciert um eine vertikale vestibuläre Achse, die man sich als durch drei Cochleae dargestellt vorstellt (Fig. 17), die eine den Körper umhüllend und die beiden anderen wie innere Hörer platziert und mit einer solchen Wirksamkeit funktionierend, dass kein materieller Hörer mit ihnen wetteifern könnte. Zweifellos ist jeder verwirklichte Mensch dazu bestimmt, ständig diese beiden Hörer zu tragen, die auf die Welt der anderen geöffnet und auf das Universum aller geschaltet sind. Man kann nicht umhin, hier den prächtigen Moses von Michelangelo heraufzubeschwören, wunderbar in eine energetische Hülle drapiert, aus der eine eigentümliche Kraft strahlt, und versehen mit zwei temporalen Hörnern, die nach Art zweier Cochleae aufgerollt sind, die sie gewiss symbolisieren.
Das zweite gleichschenklige Dreieck, jenes, das das Becken zur Basis hat, kann auch der Träger eines Rotationsparaboloids sein, der gegenüber dem vorhergehenden umgekehrt ist. Zur Materie hingewandt, im Gegensatz zum ersten, der sich zu den Himmeln öffnet. Wäre der menschliche Gang nicht zwischen diesen beiden Polaritäten schwingend?
So weit davon entfernt, über Ausführungen betreffend die Dualität zwischen Materie und Geist zu räsonieren, laden wir den Leser ein, den Menschen in seiner grundlegenden Statur zu entdecken, charakteristisch für seine menschliche Dimension, die ihn als das Behältnis und die Behausung des Seins offenbart. Die Vertikalität drängt sich von da an als eine Notwendigkeit auf, während sie sich mit einer geistigen Geradheit verbindet und sich durch ein psychologisches Gleichgewicht festigt. Das eine geht nicht ohne das andere. Das Innenohr offenbart uns hier in allen Punkten seine organisierende Macht unter dem induzierenden Antrieb der Fähigkeit des Zuhörens. Diese Letztere ermöglicht vielfältige Kommunikationen, von denen einige weit über unsere gewohnten Begriffe hinaus angesiedelt sind und in den Rahmen einer verschmelzenden Gemeinschaft mit dem Kosmos durch das Denken eintreten, das seit jeher im Herzen der inspirierten Menschen gekeimt hat.
Quelle: Alfred A. Tomatis, „Équilibre et Yoga : rôle de l’oreille interne", Revue Française de Yoga, 1991. Transkription nach dem Faksimile.